Liebe Leserinnen und Leser
Der Einsatz von LegalTech und insbesondere von Künstlicher Intelligenz im Recht hat bereits vor einigen Jahren Einzug in die juristische Ausbildung gehalten. Seither hat sich die Dynamik weiter verstärkt: Studierende sehen sich heute mit denselben technologischen Entwicklungen konfrontiert wie Kanzleien, Gerichte und Lehrende – oftmals sogar unmittelbarer und experimenteller. Die damit verbundenen Herausforderungen sind vielfältig. Sie reichen von der Unsicherheit, welche Kompetenzen künftig gefragt sein werden, bis hin zur grundlegenden Frage, wie sich das juristische Arbeiten und der Berufsstand insgesamt verändern.
Die vorliegende Ausgabe greift diese Entwicklungen auf und nähert sich ihnen aus unterschiedlichen Perspektiven. Einen besonderen Schwerpunkt bildet dabei die Beitragsreihe „Next Generation“, in der Studierende ihre Arbeiten aus einer LegalTech-Lehrveranstaltung an der Universität St. Gallen (HSG) präsentieren. Die Themenvielfalt ist ebenso breit wie aufschlussreich: Sie reicht von grundlegenden Fragen wie „Wem gehört die Stunde?“ über Überlegungen zur zukünftigen juristischen Ausbildung im Kontext von KI bis hin zu konkreten technischen Umsetzungen wie der Konzeption eines Model-Context-Protocol-Servers (MCP) für die Schweizer Rechtsrecherche oder der Diskussion um sogenannte „Robot Judges“.
Diese und zahlreiche weitere Beiträge aus der Reihe „Next Generation“ haben wir gebündelt auf einer eigenen Plattform zugänglich gemacht: Zur Next-Generation-Übersicht
Einen bewusst kontrastierenden Blickwinkel nimmt Renata Trajkova ein. In ihrem Diskussionsbeitrag „Und dann kam die KI: Das Ende der Rechtswissenschaft, wie wir sie kannten“ reflektiert sie die aktuellen Entwicklungen aus rechtswissenschaftlicher und publizistischer Perspektive und regt damit zu einer kritischen Einordnung der technologischen Transformation an.
Abgerundet wird die Ausgabe durch ausgewählte Beiträge aus dem IRIS 2026 Tagungsband, namentlich aus den Kapiteln „Rechtstheorie & Rechtsvisualisierung“ sowie „Datenschutz, Data Governance & Privacy“. Während erstere sich mit grundlegenden Fragen der Struktur, Vermittlung und Visualisierung von Digitalrecht auseinandersetzen, widmen sich letztere den rechtlichen und praktischen Herausforderungen im Umgang mit Daten in einer zunehmend digitalisierten und vernetzten Welt.
Die Kombination dieser unterschiedlichen Perspektiven – von studentischen Arbeiten über diskursive Beiträge bis hin zu wissenschaftlichen Konferenzbeiträgen – soll dazu beitragen, den aktuellen Wandel im Recht nicht nur abzubilden, sondern aktiv zu reflektieren und mitzugestalten.
Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.
Franz Kummer
Herausgeber Jusletter IT
Abstract
Damit Personen Entscheidungen von Gerichten nachvollziehen können und das Vertrauen in das Rechtssystem aufrechterhalten wird, ist es notwendig, dass Urteile auf überzeugenden Begründungen beruhen. Da die Eigenschaften des Menschen dies nicht immer ermöglichen, untersucht diese Arbeit, inwiefern sich die Nachvollziehbarkeit gerichtlicher Entscheidungen mit dem Einsatz von Robot-Judges verändern könnte. Die auf Auswertung von Fachliteratur und aktuellen Einsatzmöglichkeiten beruhende Analyse hat gezeigt, dass KI durchaus unterstützend agieren kann, jedoch noch nicht so ausgereift ist, um als (Hilfs-)Richter eingesetzt werden zu können.
Abstract
Das Rahmenübereinkommen des Europarats über künstliche Intelligenz ist das erste völkerrechtlich verbindliche Instrument zum Schutz von Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit im KI-Kontext. Die Schweiz hat die Konvention unterzeichnet und strebt eine minimale Umsetzung an. Dieser Beitrag ordnet die geplante Ratifikationsstrategie rechtlich ein und würdigt sie kritisch. Es zeigt sich, dass der gewählte Minimalansatz zwar politisch mehrheitsfähig ist, jedoch den privaten Sektor weitgehend ausblendet und technische Herausforderungen unterschätzt.
Abstract
Die Integration von Large Language Models (LLMs) in die Rechtsrecherche erfordert einen Übergang von probabilistischer Textgenerierung hin zu deterministischen Suchabfragen. Zu diesem Zweck entwirft dieser Beitrag einen föderierten Model-Context-Protocol-Server (MCP). Durch die Anbindung über Programmierschnittstellen an Fedlex, Entscheidsuche.ch und LexFind können Halluzinationen von LLMs reduziert und die Nachvollziehbarkeit ihrer Outputs verbessert werden. Zudem werden die Herausforderungen der Interoperabilität im Kontext des Schweizer Föderalismus beleuchtet und ein Geschäftsmodell beschrieben, das es juristischen Inhaltsanbietern ermöglicht, ihre proprietären Daten im Zeitalter agentischer KI zu monetarisieren.
Abstract
Die öffentliche Beurkundung ist die strengste Formvorschrift im Schweizer Privatrecht und läuft bisher meist analog ab. Dieser Beitrag erläutert ihre Grundlagen und zeigt die zwei Schritte, die für eine rein digitale Beurkundung nötig sind: die Ausstellung elektronischer Originalurkunden und die Zulässigkeit der Fernbeurkundung. Zudem wird untersucht, inwiefern diese beiden Schritte mit dem Zweck und den Formvorschriften der öffentlichen Beurkundung vereinbar sind.
Abstract
Generative Künstliche Intelligenz verändert die juristische Arbeitswelt grundlegend. Dieser Beitrag untersucht, ob im Schatten dieser Veränderungen eine «Wissenslücke von morgen» entsteht: Drohen künftigen Anwältinnen und Anwälten Kompetenzdefizite, weil Systeme der künstlichen Intelligenz frühe Lernaufgaben übernehmen, die bislang für den Aufbau juristischer Urteilskraft konstitutiv waren? Auf Basis leitfadengestützter Expertengespräche mit Schweizer Wirtschaftskanzleien und Rechtsfakultäten sowie internationaler Forschungsliteratur zeigt der Beitrag, dass die Gefahr weniger im Wegfall von Aufgaben liegt als in einer veränderten Nutzungskultur: Werden zentrale Lernschritte vorschnell an künstliche Intelligenz delegiert, können juristische Kernkompetenzen bereits im Studium geschwacht werden. Schweizer Universitäten tragen hier eine besondere Verantwortung und sind gefordert, technologische Souveränität und klassische juristische Grundfähigkeiten gleichermassen zu fördern.
Abstract
Künstliche Intelligenz verändert den Profifussball grundlegend: Automatisierte Spielerbewertungssysteme wie jenes von Olocip ermöglichen datenbasierte Scouting- und Transferentscheidungen. Diese Arbeit untersucht am Beispiel der Kooperation des FC St. Gallen mit Olocip, unter welchen datenschutzrechtlichen Voraussetzungen solche Systeme nach dem Schweizer DSG zulässig sind. Im Zentrum stehen die Einordnung als Profiling mit hohem Risiko gemäss Art. 5 lit. g DSG, die Anforderungen an Rechtfertigung und Einwilligung sowie die Pflicht zur Datenschutz-Folgeabschätzung. Die Analyse zeigt, dass ein datenschutzkonformer Einsatz möglich ist, jedoch ein kontinuierliches Risikomanagement und bei Gesundheitsdaten eine ausdrückliche Einwilligung erfordert.
Abstract
Die Arbeit untersucht den Einfluss von LegalTech auf die juristische Praxis im B2B-Bereich mit Fokus auf Kanzleien. Analysiert werden zentrale Anwendungen wie Dokumentenrecherche, automatisierte Dokumenterstellung sowie Kanzleimanagement. Die Untersuchung zeigt, dass LegalTech Effizienz- und Qualitätsgewinne ermöglicht, insbesondere durch Automatisierung repetitiver Prozesse. Gleichzeitig verändert sich die Rolle der Jurist:innen hin zu stärker analytischen und technologisch geprägten Tätigkeiten. Insgesamt wird LegalTech als Chance verstanden, die eine strategische Weiterentwicklung bestehender Strukturen erfordert.
Abstract
Der Rechtsmarkt befindet sich im Wandel durch den Einsatz leistungsfähiger Legal-AI-Modelle. Die vorliegende Arbeit untersucht deren Einfluss auf die Preisgestaltung juristischer Dienstleistungen und zeigt anhand von Künstlicher Intelligenz, dass moderne Large Language Modells menschliche Leistung in zentralen Bereichen übertreffen. Dies setzt das traditionelle Stundenhonorar unter Druck und begünstigt neue, wertorientierte Vergütungsmodelle. Gleichzeitig werden die daraus entstehenden Chancen und Herausforderungen für Kanzleien sowie die Bedeutung hybrider Arbeitsmodelle beleuchtet.
Abstract
Zero-Knowledge Proofs (ZKP) ermöglichen den kryptografischen Nachweis von Informationen, ohne deren Inhalt preiszugeben. Dieser Beitrag beleuchtet das Funktionsprinzip von ZKPs, ihre Anwendungsfälle im Finanz- und Compliance Bereich sowie das Potenzial des zkKYC-Verfahrens zur datenschutzkonformen Identitätsverifikation auf der Blockchain. Zudem werden die regulatorischen Herausforderungen unter dem Schweizer Geldwäschereigesetz (GwG) und mögliche Übergangslösungen wie Compliance-Orakel und regulierte DeFi-Zugänge analysiert.
Abstract
Die Autorin untersucht, inwieweit ChatGPT-5 in der Lage ist, rechtliche Lösungen zu liefern, die mit den schweizerischen Rechtsnormen vereinbar sind, und welche Schlussfolgerungen sich daraus für einen verantwortungsvollen Einsatz dieser Modelle in der Rechtspraxis ziehen lassen.
Abstract
Generative KI verändert die juristische Arbeit grundlegend – und schafft dabei eine unterschätzte Gefahr für die Ausbildung von Berufseinsteigern. Auf der Grundlage von vier leitfadengestützten Interviews zeigt dieser Beitrag: Die Kanzleien erkennen die Risiken erst in Ansätzen. Heute lernen Juniors durch Routineaufgaben – Recherche, Erstentwürfe, Korrespondenz –, die den Mandanten verrechenbar sind: Ausbildung wird so vom Kunden mitfinanziert. KI hat das Potenzial, diese Aufgaben besser und günstiger zu erledigen – womit Mandanten weniger bereit sein dürften, dafür hohe Stundentarife zu zahlen, und die Lerngelegenheit entfällt.
Abstract
Generative KI ist überall. Auch die rechtswissenschaftlichen Berufe müssen sich die Frage stellen, wie sie damit umgehen sollen. Besonders markant sind die Konsequenzen in der Ausbildung und in der Forschung: Studierende zweifeln den Wert des juristischen Handwerks an und Unternehmen nutzen peer-reviewte Publikationen, um ihre eigenen KI-Tools zu trainieren und sie zu monetarisieren. Die Autorin möchte einige heikle Aspekte ansprechen, im Wissen darum, dass die eigentliche Diskussion erst am Anfang steht.
Abstract
This paper provides an integrated mapping of legal informatics, legal technology, and legal design as complementary perspectives on the interaction between law, humans, and digital systems. It traces the development of legal informatics, contrasts it with the applied focus of legal technology, and introduces legal design as a human-centred approach concerned with goal-reaching, purpose, action, and outcomes. Rather than treating these perspectives as separate, the paper argues that they are stronger when understood as mutually reinforcing dimensions of how legal solutions can be designed and built to better meet the needs of those they are meant to serve. A potential path to-ward integrating all three approaches is discussed.
Abstract
The paper at hand presents a case study from the Brazilian state of Ceará on using plain language and legal visualisation techniques to improve prisoners’ understanding of their obligations during imprisonment regime progression. In the study, explanatory leaflets combining simple language and visual aids were distributed to inmates in semi-open and open regimes. The pilot led to a 31.54% reduction in non-compliance re-gressions, indicating that clearer communication can significantly enhance compliance and support rehabilitation. Beyond outlining the methodology employed, the paper at hand presents quantitative and qualitative results, and discusses potential implications of the employed methods for access to justice.
Abstract
Das Recht kann bei der Erfassung digitaler Sachverhalte nicht unmittelbar auf tradierte Erfahrung zurückgreifen. Stattdessen bietet es sich an, sich dafür am Verständnis anderer wissenschaftlicher Disziplinen zu orientieren. Eine in diesem Zusammenhang geeignete Theorie ist die Systemtheorie Niklas Luhmanns. Ausgehend vom Begriff der Kommunikation beschreibt sie die Gesellschaft auf differenzierte Weise, wobei das Konzept des Mediums eine zentrale Rolle einnimmt. Dieser Begriff wird in diesem Beitrag auf digitale Medien angewandt und die daraus resultierenden Erkenntnisse dienen anschließend der Identifikation möglicher Ansatzpunkte für eine digitale rechtliche Ordnung.
Abstract
Der Beitrag untersucht die Auswirkungen der Verschlüsselung auf den Personenbezug von Daten im Lichte der aktuellen Rechtsprechung des EuGH, insbesondere dessen Urteil in der Rechtssache EDSB/SRB. Der Beitrag zeigt auf, dass die dort entwickelten Grundsätze auf die Verschlüsselung von personenbezogenen Daten übertragbar sind, indem die technischen Grundlagen symmetrischer und asymmetrischer Verschlüsselung sowie deren Sicherheitseigenschaften dargestellt und mit der Begriffsbestimmung der personenbezogenen Daten verknüpft werden. Darauf aufbauend wird dargelegt, wie die Beurteilung des Personenbezugs verschlüsselter Daten anhand der Rechtsprechung des EuGH zu erfolgen hat.
Abstract
Der EuGH hat sich in seinem SRB-Urteil vom 4. Oktober 2025 erfreulich deutlich zum Personenbezug von Daten geäußert. Die Entscheidung reiht sich in die bisherige Rechtsprechung des EuGH zum Personenbezug von Daten ein und hat große, wenn auch noch umstrittene Folgen für die Praxis. Der Vortrag zielt darauf ab, das Urteil des EuGHs zum Personenbezug von Daten vorzustellen, in den Kontext bisheriger Rechtsprechung zu setzen und seine Implikationen für die Praxis zu skizzieren.
Abstract
Dieser Artikel untersucht die rechtlichen Herausforderungen der Videoüberwachung im Zusammenhang mit der Verarbeitung besonderer Kategorien personenbezogener Daten gemäß Art. 9 DSGVO. Er analysiert die Auswirkungen aktueller Gerichtsentscheidungen, insbesondere des EuGHs im Fall «Lindenapotheke», welche die Annahme der Existenz sensibler Daten erweitern. Die Untersuchung beleuchtet den Konflikt zwischen dem starken Bedürfnis nach privater Videoüberwachung und den strengen Datenschutzanforderungen aufgrund der nun notwendigen Neueinstufung dabei entstehender Bilddaten als «besondere Kategorien». Zudem werden die Grenzen bestehender rechtlicher Rahmenbedingungen, die Unzulänglichkeit der nationalen Regelung aufgrund Widerspruchs zur DSGVO, sowie der daraus folgende Bedarf legislativer Anpassung thematisiert.
Abstract
Der Beitrag ordnet die Offenlegungspflichten der Art. 4 und 5 Data Act systematisch in das Gefüge der DSGVO ein. Datenherausgaben können grundsätzlich auf Art. 6 Abs. 1 lit c DSGVO gestützt werden, da der Data Act unionsrechtliche rechtliche Verpflichtungen begründet. Bei personenbezogenen Daten Dritter entsteht eine begrenzte Plausibilisierungspflicht des Dateninhabers, die sich an einem relativen Personenbezug orientiert und als ex-ante-Prüfung auszugestalten ist. Daraus ergibt sich ein praktikables, risikobasiertes Modell für datenschutzkonforme Datenzugänge.
Abstract
Dark patterns, manipulative interface designs that steer users toward unintended decisions pose growing challenges at the intersection of data protection and consumer law. This paper examines the German regulatory approach to addressing dark patterns, focusing on how consumer-protection rules and data-protection principles interact in enforcement and adjudication. It analyses the role of the Digital Services Act and its national implementation through the Digitale-Dienste-Gesetz, alongside established instruments such as the Unfair Commercial Practices framework and the GDPR. Particular attention is paid to recent German case law and enforcement practices, which illustrate how courts and authorities navigate overlapping regulatory regimes. The paper argues that Germany’s combination of strong private enforcement and coordinated public oversight offers a pragmatic model for addressing manipulative design practices while broader EU initiatives, including the proposed Digital Fairness Act, remain under development.
Jusletter IT